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Stadtgeschichte

 

Die ersten Rüdesheimer lebten vor rund 2500 Jahren als sesshafte Bauern auf verstreuten Einzelge­höften, trieben Viehzucht und pflanzten Getreide an. Sie kleideten sich mit selbstgewirkten Stoffen, die mit Gewandnadeln zusammengehalten wurden, schmückten sich mit schönen Hals- und Armringen aus Bronze und fertigten noch ohne Töpferscheibe, also aus freier Hand irdenes Geschirr, das mit einfachen Ornamenten verziert war. Die Spuren jener Zeit finden sich in zahlreichen Hügelgräbern.


Kurz vor der Zeitwende wurden diese Menschen durch ungebetenen Besuch gestört: die Römer erschienen am Rhein. Offenbar fühlten sich diese hier so wohl, dass sie schließlich mehr als 400 Jahre blieben. Von ihnen lernten die Ur-Rüdesheimer den Bau fester Steinhäuser und wendiger Schiffe, vor allem aber die systematische Kultur der Weinre­be. In und um Rüdesheim gab es römische Landgüter, welche die Truppen mit Wein versorg­ten. Wichtig­ster Fund aus jener Zeit ist ein römisches Rebschnittmesser, das um 1900 in der Nähe der Niederburg entdeckt wurde und beweist, dass hier schon vor 2000 Jahren Weinbau betrieben wurde, der bis heute die wirt­schaftliche Grundlage Rüdesheims blieb.


Im 3.-4. Jahrhundert wanderten allmählich Franken vom Niederrhein in den Rheingau ein, um nach dem Ende der römischen Ära im 5. Jahrhundert die Führung zu übernehmen und mit dem merowingischen Reich ein gut geordnetes Staatswesen aufzubauen. Spätestens seit dem 8. Jahrhundert wurde der Rheingau zu einem eigenen reichsunmittelbaren Verwaltungsbezirk, der von den Rheingrafen als fränkische Gaugrafen geführt wurde. Vermutlich haben diese damals in Rüdesheim die Niederburg als Amtssitz eingerichtet, in dem Angehörige ihrer Sippe über Generationen hinweg als Beamte (Ministerialen) tätig waren. Diese Familie nannte sich schließlich, die "Edlen von Rüdesheim“ und wurde zum Ursprung eines weitverzweigten Ortsadels.


Die Erzbischöfe von Mainz suchten im Rheingau als einem wohlhaben­den und weingesegneten Landstrich Fuß zu fassen. Durch Schenkungen wurden sie hier im Jahre 983 zu Landesherren und gewannen somit wachsenden politischen Einfluss („Verone­ser Schenkung“).  Die Rheingrafen als Vertreter kö­niglicher Macht verloren mehr und mehr ihre alten Befug­nisse, wurden 1279 endgültig aus dem Rheingau verdrängt und an ihrer Stelle trat der “Vicedom” als Repräsentant des Mainzer Stuhls. Die Rüdeshei­mer Adligen wurden als Hofbeamte in Mainzer Dienste übernommen.


Von dem lebhaften Warenverkehr auf dem Rhein erhob Mainz in Rüdesheim einen eigenen Zoll, der so einträglich war, dass sich um 1220 der Bau einer Zollburg Ehrenfels oberhalb des Binger Loches lohnte. Durch diese neue Landesburg wurde die Niederburg entbehrlich und ging als freier Besitz (Allod) an die Herren von Rüdesheim über. Aller­dings wurde wegen einer unglücklichen politischen Unternehmung die Burg schon 1279 wieder zu Staatseigentum erklärt, aber den Rüdesheimer Adligen weiter als Dauerleihgabe überlassen.


Häufige kriegerische Überfälle waren der Anlass, die Burg noch bis zum Beginn des 14. Jahr­hunderts im heutigen Umfang auszubauen. Dieser mächtige Steinquader war der wehrhafte Kern ei­ner weitläufigen Burganlage, die sich mit Gesindehäusern, Scheuern, Ställen und Gärten, einem Hospital und einer St. Nikolauskapelle am westlichen Stadtrand bis hin zur Amselgasse erstreckte. Im 13. Jahrhundert gingen Teile dieses Burg-Areals in andere Hände über: als Schenkungen an die Klöster Eberbach, Marienhausen und das Mainzer St. Victors-Stift: durch Kauf und Erbschaft an andere Adelsgeschlechter, wie die Stoltz von Bickelheim und die Ritter von Groenesteyn, vor allem aber an den Rüdesheimer Ortsadel, dessen Familienzweige hier ihre eigenen Burgsitze erbauten: die Oberburg für die “Füchse von Rüdesheim” und als ehemals fränkisches Herrenhaus der Brömserhof an die „Brömser von Rüdesheim”.


Ein weiterer Adelssitz, die Vorderburg, nahm mit ih­rem weiten Mauerring die ganze Westseite des Marktplatzes ein, und man kann annehmen, dass diese schon gleichzeitig mit dem bürgerlichen Rü­desheim entstanden ist. Der ursprüngliche Kern der Altstadt ist nördlich des Marktplatzes zu suchen, wo einst der romanische Turm der Stadtpfarrkirche St. Jako­bus als Schutz diente.


Urkundlich wird Rüdesheim erstmals 1074 erwähnt und es ist bezeichnend, dass sich diese Urkunde auf den schon florierenden Weinbau bezieht. Die berühmteste Weinbergslage, der steile Rüdesheimer Berg zwischen der Stadt und Burg Ehrenfels war bereits mit Riesling- und Orle­ansreben bepflanzt.

 

Von dem Rüdesheimer Weinertrag sicherte sich die Landesobrigkeit ihren Anteil durch den Zehnten, eine Naturalsteuer, die den zehnten Teil aus jeder Traubenbütte beanspruchte. Nur der adlige Weinbergbesitz blieb zehntfrei.
Kein Wunder, dass Rüdesheim mit seinen reichen Weinkellern immer wieder das Ziel kriegerischer Überfälle war und arg verwüstet wurde. Selbst die alte romanische Jakobuskirche blieb nicht verschont,  sodass 1390 die Ritter Brömser als Inhaber des Kirchenzehnten neben dem alten Kirchturm Langhaus und Chor neu aufbauen mussten.


In Ge­meindesachen waren die Bürger mit Schul­theiß und einem Ehrbaren Rat, einem eigenen Schöffengericht und dem Haingericht zur genossen­schaftlichen Verwaltung von Wald und Flur verantwortlich. Und aus bürgerlichen Kreisen gingen bedeutende Leute hervor, wie der Rudolf von Rüdesheim als Fürstbischof von Breslau und Lavant (1400-1482) war; mehrere Äbte von Eberbach und Maria Laach entstammten aus Rüdeshei­mer Patrizierfamilien und der Rüdesheimer Jacob Fidelis Ackermann (1765-1815) galt als eine wissen­schaftliche Berühmtheit an der Universität Heidel­berg.


Das 15. und 16. Jahrhundert blieben weitgehend von Kriegszügen verschont und brachten für Rüdesheim einigen Wohlstand. Die Ringmauer als Stadtbefestigung wurde von der Löhrstraße bis zur Steingasse erweitert und durch mehrere Türme verstärkt, von denen nur der Adlerturm als ehemaliger Pulverturm erhalten blieb. In einer Zeit allgemeiner Trinkfreudigkeit blühte der Weinmarkt und am Rhein hatte ein neuer Weinkran viel zu tun. Schiffsmühlen mahlten nicht nur Korn, sondern auch andere technische Rohstoffe und der Strom war von vie­len Schiffen belebt.

 

Für den wachsenden Verkehr hatte Rüdesheim eine besondere Bedeutung, denn hier endete die Landstraße am steilen Rheinufer und aller Verkehr stromabwärts musste auf Schiffe umsteigen, da es noch keine Rheinuferstraße nach Assmannshausen und Lorch gab. Deshalb fanden zahlreiche Rüdesheimer Schiffer ein gutes Auskommen als Fracht- und Fährschiffer, als Lotsen und Floßsteuerleute. Viele Reisende machten in Rüdesheim Station, um ein geeignetes Schiff abzuwarten und so gab es damals auch schon eine ganze Reihe behäbiger Gasthöfe.


Das Binger Loch war zwar stets ein gefährliches Hindernis für die Schifffahrt, aber keineswegs unüberwindbar. Den angeblichen ,,Kaufmannsweg" über die Höhen zwischen Rüdes­heim und Lorch, über den schwerbeladene Fuhrwerke gerumpelt seien, hat es nie gegeben; nein, auf dem Rhein herrschte meist lebhafter Schiffsverkehr und die Re­gister der Zollburg Ehrenfels überraschen, welche Mengen an Gütern das Binger Loch passierten.


Die Reformation und soziale Spannungen führten zu den Wirren des Bauernkrieges 1525. Auch die Rüdesheimer und Eibinger waren maßgeblich daran beteiligt, doch verhielten sich ziemlich besonnen. - Aber mit dem 30jährigen Krieg setzte auch für Rüdesheim eine schwere Zeit ein, denn die Kriegsgräuel gingen hier nicht nach 30 Jahren zu Ende, sondern setzten sich in den Erbfolgekriegen bis hin zum Freiheitskrieg 1815 fast ununterbrochen fort. Die Stadt wurde so sehr verwüstet, dass 1686 der Mainzer Landesherr die Bürger durch Vergünstigungen zum Wiederaufbau ermutigen musste. Keller und Scheuern waren leer, durch Geiselnahme und Waffengewalt erpresste die Soldateska aus aller Herren Länder immer neue Kontributionen, bis die Rüdesheimer arg verschuldet und mutlos waren. Wenn auch die Pest unsere Stadt ziemlich verschonte, so wurden doch viele Güter herrenlos und konnten während des 18. Jahrhunderts von fremden Leuten, den “Forensen” für einen Spottpreis erworben werden.


Hinzu kam die eine zunehmende Schwäche der Mainzer Landesregie­rung, sodass nach über 900 Jahren deren Herrschaft endete und im Jahre 1806 der Rheingau an das neu geschaffene Herzogtum Nassau überging. Rüdesheims Ringmauer und Stadttürme wurden verkauft und teilweise abgebrochen (die Burgen waren schon 1689 zu Ruinen zerstört worden). Rüdesheim wurde Verwaltungssitz eines eigenen nassauischen Amtes und erhielt ab 1818 stillschweigend den Status einer Stadt (Rüdesheim hatte schon lange zuvor als “Markflecken" eine stadtähnliche Verfassung).


Eine lange Reihe von Missernten folgte, der Wein war nicht zu verkaufen, die Bürger konnten ihre Steuern nicht zahlen, die Stadtkasse war leer und musste neue Schulden machen. Die Armen wurden ärmer, die Reichen reicher, eine soziale Kluft tat sich auf. Dies mündete schließlich in den Unruhen von 1831 und 1848, die sich auch in Rüdesheim auf dem Niederwald abspielten.


Dennoch ließen die Rüdesheimer den Kopf nicht hängen, sondern nützten alle Möglichkeiten des anbrechenden technischen Zeitalters. 1825 landete das erste Dampfschiff und 1856 fuhr die erste Eisenbahn in Rüdesheim ein. Diese neuen Verkehrsmittel trugen nicht nur den Rüdesheimer Wein hinaus in alle Welt, sie brachten auch immer mehr Touristen, für deren Wohlbefinden eine große Zahl behaglicher Gasthöfe und Weinstuben sorgte. Neben dem Weinhandel entstanden auch Schaumweinkellereien und Weinbrennereien.


Der zunehmende Wohlstand brauchte neue Arbeitskräfte, für die es in der Altstadt zu eng wurde. Seit 1830 ließ man deshalb den alten Stadtgraben zur Grabenstraße überwölben und öffnete so den Zugang nach Osten hin für neue Wohnviertel. 1842 entstand hier die erste Synagoge. 1862 ein Gotteshaus der evangelischen Kirchengemeinde. Im gleichen Jahre brachte eine eigene Gasfabrik helleres Licht in die Stadt, 1888 läutete hier das erste Telefon und 1892 löste eine Wasserleitung die alten Brunnen ab. 1899 wurde eine neue Volksschule feierlich eröffnet, ab 1902 verbesserte ein großes Kran­kenhaus die Fürsorge, nachdem schon 1853 im alten Brömserhof ein städtisches Heim für Arme und Al­te eingerichtet worden war. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Umsicht und Tatkraft die Stadtväter innerhalb von 50 Jahren Rüdesheim zu einer modernen Stadt umkrempelten.


Besondere Anforderungen stellte der Bau eines Nationaldenkmals auf dem Niederwald in den Jahren 1877-83. Viele teure Investitionen waren erforderlich, bis die mächtige Statue der Germania zum neuen Anziehungspunkt für Touristen wurde, die anfangs mit einer romantischen Zahnradbahn hinauf dampften und heute mit einer modernen Kabinenseilbahn dahinschweben.


Der 25. November 1944 wurde zum schwarzen Tag für Rüdesheim, als ein schwerer Bombenangriff weite Teile der Stadt zerstörte und über 200 Tote forderte. Die ältesten Gebäude der Altstadt blieben dabei verschont und nach einem zügigen Wiederaufbau gewann Rüdesheim seinen alten, weinduftenden Zauber zurück. Seitdem kamen neue Wohngebiete hinzu: 1953 die Siedlung Windeck. 1970 die Siedlung Trift und 1977 Rüdesheim-Ost. Die Einwohnerzahl ist dabei von einstmals 1500 Bürgern auf heute 6.620 Einwohner angewachsen.


Kommunalpolitisch wurde die ehemals kurmainzische und nassauische Amtsstadt Rüdesheim mit der Eingliederung nach Preußen 1867 Kreisstadt des Rheingau-Kreises. Als dieser, in seinen Grenzen seit fränkischer Zeit unveränderte Rheingau 1977 durch eine Gebietsreform zum Rheingau-Taunus-Kreis erweitert wurde, siedelte die Kreisverwaltung von Rüdesheim nach Bad Schwalbach über. Gleichzeitig wurden die vormals selbstständigen Gemeinden Assmannshausen, Aulhausen und Presberg nach Rüdesheim eingemeindet.